Didaktische Rekonstruktion in der Geographie

Das Modell der Didaktischen Rekonstruktion ist ein Instrument zur Planung von Unterricht. Dieser Artikel gibt Übersicht über Prinzipien des Modells und Ansätzen in der Geographiedidaktik. Mithilfe eines kommentieren Literaturverzeichnis erhalten Sie die Möglichkeit, weitere wissenschaftliche Quellen zum Thema zu finden.

1. Kurzdefinition

Die Didaktische Rekonstruktion ist ein Ansatz zur Erforschung wirksamer Methoden zur Vermittlung wissenschaftlicher Lehrinhalte. Dabei werden Vorstellungen der Lerner als gleichberechtigte Basis zur Erarbeitung von Lerninhalten für den Unterricht betrachtet. Dabei ist zu beachten, dass das Modell aufgrund seiner umfangreicher Methoden nicht zur Planung einzelner Unterrichtseinheit geeignet ist, wohl aber Grundideen aufgegriffen werden können.

2. Entwicklung

Das Modell wurde 1997 erstmals Kattman u.a. publiziert und wird seitdem in der didaktischen Forschern für Biologie und Physik entwickelt. Der Schwerpunkt der didaktischen Forschungen liegt nach wie vor auf naturwissenschaftlichen Fächern. In geringem Umfang stehen  auch Arbeiten für Geschichte, Politik und Geographie zur Verfügung. Mit „Beiträgen zur Didaktischen Rekonstruktion“ gibt es ein Journal, dass ausschließlich Arbeiten für das Modell veröffentlicht. Ergänzende Beiträge, allerdings i.d.R. nicht in vergleichbarem Umfang und Qualität werden in den „Oldenburger VorDrucken“ veröffentlicht. Bislang scheint das Modell nur im Deutschen Sprachraum auf Resonanz zu stoßen.

3. Hintergründe und Basis

Die DR ist ein konstruktivistischer Ansatz und fasst Lernen als autonomen Prozess auf, der von außen nicht determinier- oder steuerbar ist. Der Lerner kann aber angeregt und unterstützt werden. Zur Stützung des konstruktivistische Ansatzes werden von Autoren der DR auch Belege aus der Neurowissenschaft angeführt.

4. Komponenten

4.1. Fachliche Klärung

Bei der hermetische-kritsichen Analyse fachwissenschaftlicher Texte sollen nach Kattmann vor allem original-Texte herangezogen werden; andere Autoren arbeiten mit Schul- und Lehrbüchern. Bei der Analyse der Texte ist zu beachten, dass die Vorstellungen der Wissenschaftler nicht als objektiv zu betrachten sind, sondern als Konstruktion der in dem jeweiligen wissenschafts-geschichtlichen zu deuten sind.

4.2. Erfassung von Lernervorstellungen

Die Lernervorstellungen sind sollen durch  empirische Methoden zu ermittelt werden. Dabei sollen die innere Logik ermittelt werden und nicht von vornherein versucht werden, Denkmuster als Fehlvorstellung zu betrachten. Die Vorstellungen der Lerner sollen hierfür vor allem eine innere Sinnhaftigkeit aufweisen; statistische Verteilungen sind nach Kattman (1997) nicht relevant, da vielmehr Denkmuster identifiziert werden sollen. Ausreichend ist aus Wiederholungen auf Kategorien schließen zu können.

4.3. Didaktische Strukturierung

Hier werden zunächst Vorstellungen der Lerner und fachlich geklärte Vorstellungen abgeglichen werden. Dadurch sollen Korrespondenzen (Gemeinsamkeiten und Hindernisse) identifiziert werden. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse werden nach konstruktivistischen Prinzipien Leitlinien und  Lernangebote erarbeitet. Die Lernangebote werden in Unterrichtsversuchen überprüft. Dadurch können praxistaugliche Lernangebote für den Unterricht zur Verfügung gestellt werden.

5. Didaktische Rekonstruktion und Geographie-Unterricht

Die Anforderungen der Didaktischen Rekonstruktion sind sehr umfangreich; daher ist es nicht verwunderlich, dass viele Arbeiten im geographischen Bereich nur die Teilaspekte der Erfassung von Lernerperspektiven und der wissenschaftlichen Klärung umfassen. Einen 100-prozentigen Nachweis zur Erfüllung aller Anforderungen erfüllt (nach meiner Recherche) nur Kai Niesberts Arbeit über den Klimawandel. Bei anderen Arbeiten ist auf Grundlage der Texte nicht zu klären, ob bei der Rekonstruktion auch eine Evaluation von Lernangeboten erfolgt ist. Siehe hierzu bitte Anmerkungen im Literaturverzeichnis.

Jürgen Lethmate stellt heraus, dass für viele Begriffe der Geographie Bedarf für eine Schüler-gerechte Konstruktion besteht. Auch wenn zu klären ist, ob das Modell für einige Bereiche der Geographie geeignet ist. Er bezieht sich hierbei auf Hard, der Geographie als „folk science“ charakterisiert —  stellen sich Probleme der Übertragung nicht oder erfüllt Geographie damit überhaupt wissenschaftlichen Anforderungen? Die paradigmatische Vielfalt der Humangeographie stellt zumindest eine Schwierigkeit dar und könnte erklären, warum Rekonstruktionen hier fehlen.

Sibylle Reinfried und Stephan Schuler imitieren ein Forschungsprojekt zur „Didaktischen Rekonstruktion geowissenschaftlicher Begriffe“. Zwar haben beide Autoren schon Beiträge zu dem Thema veröffentlicht, oder sie beziehen sich auf geographische Arbeiten der didaktischen Rekonstruktion, aber im einzelnen ist nicht nachvollziehbar, wieweit die Anforderungen des Modells der didaktischen Rekonstruktion Rechnung getragen wird.

6. Kommentiertes Literaturverzeichnis

6.1. Conceptual Change

  • Krüger, Dirk (2007): „Die Conceptual Change-Theorie“. In: Theorien in der biologiedidaktischen Forschung. Hrsg.: Krüger, Dirk; Vogt, Helmut. Springer Berlin Heidelberg (= Springer-Lehrbuch), S. 81–92.
    Ausführliche Beschreibung der der klassischer Conceptual-Change-Theorie und neuerer, konstruktivistischer Ansätze.
  • Posner, George J. u.a. (1982): „Accommodation of a scientific conception: Toward a theory of conceptual change“. In: Science education, 66 (1982), 2, S. 211–227.
    Ausführliche Beschreibung der klassischer Conceptual-Change-Theorie und neuerer, konstruktivistischer Ansätze. Im wesentlichen basiert das Konzept auf Parallelen zwischen Kuhns Theorie des wissenschaftlichen Paradigmenwechsel und der Erkenntniss von Lernern, die mit ihren Alltagsvorstellungen bei entsprechendem Setting des Unterrichts unzufrieden sind und daher wissenschaftliche Vorstellungen annehmen.
  • Strike, Kenneth A.; Posner, George J. (1982): „Conceptual change and science teaching“. In: European Journal of Science Education, 4 (1982), 3, S. 231–240.
    Siehe oben, ähnlicher Artikel.
  • Wikipadia (2013): „Conceptual change“. Wikipedia, the free encyclopedia. Online im Internet: http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Conceptual_change&oldid=549122421 (zugegriffen am 21.06.2013).

6.2. Konstruktivisumus

  • Gropengießer, Harald (2007): „Theorie des erfahrungsbasierten Verstehens“. In: Theorien in der biologiedidaktischen Forschung. Hrsg.: Krüger, Prof Dr Dirk; Vogt, Prof Dr Helmut. Springer Berlin Heidelberg (= Springer-Lehrbuch), S. 105–116.
    Gropengießer ist ein Mit-Autor der Erstveröffentlichung der didaktischen Rekonstruktion. In diesem Artikel wird eine wesentliche Erweiterung des Modells auf Grundlage neuronaler Forschungsergebnisse dargestellt.
  • Riemeier, Tanja (2007): „Moderater Konstruktivismus“. In: Theorien in der biologiedidaktischen Forschung. Hrsg.: Krüger, Prof Dr Dirk; Vogt, Prof Dr Helmut. Springer Berlin Heidelberg (= Springer-Lehrbuch), S. 69–79.
    In diesem Text kommen die wesentlichen Grundsätze der Didaktischen Rekonstruktion zum Ausdruck.
  • Wikipedia (2013): „Konstruktivismus (Lernpsychologie) – Wikipedia“. Online im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Konstruktivismus_(Lernpsychologie) (zugegriffen am 01.06.2013).

6.3. Didaktische Rekonstruktion

  • Didagma Glossar  (2013): „Didagma Glossar – Didaktische Rekonstruktion“. Online im Internet: http://glossar.didagma.de/?Didaktische_Rekonstruktion  (zugegriffen am 02.06.2013).
    Kurzinfo.
  • Kattmann, Ulrich u.a. (1997): „Das Modell der Didaktischen Rekonstruktion: Ein Rahmen für naturwissenschaftsdidaktische Forschung  und Entwicklung“. In: Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften, (1997), Jg. 3, S. 3–18.
    Erstveröffentlichung des Modells der Didaktischen Rekonstruktion. Der Artikel kann frei im heruntergeladen werden.
  • Kattmann, Ulrich (2007): „Didaktische Rekonstruktion — eine praktische Theorie“. In: Theorien in der biologiedidaktischen Forschung. Hrsg.: Krüger, Dirk; Vogt, Helmut. Springer Berlin Heidelberg (= Springer-Lehrbuch), S. 93–104.
    Das Modell wurde im Laufe der Zeit überarbeitet. Hier werden die wesentlichen Änderungen dargestellt.
  • Wikipedia (2013): „Didaktische Rekonstruktion – Wikipedia“. Wikipedia. Online im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Didaktische_Rekonstruktion (zugegriffen am 18.04.2013).

6.4. Allgemeine Darstellungen zur Didaktische Rekonstruktion in der Geographie

  • Lethmate, Jürgen (2007): „‚Didaktische Rekonstruktion‘ als Forschungsrahmen der Geographiedidaktik“. In: Geographische Rundschau, Heft 7/8 (2007), S. 54–59.
    Der Artikel plädiert für die Einführung der Didaktischen Rekonstruktion in die geographische Fachdidaktik. Falsche und missverständliche Darstellungen geographischer Themen in Lehrbüchern werden vor allem aus Schulbüchern präsentiert. Lethmate stellt eine Untersuchung Bohnekamp zum Thema „Boden als Puffer“ und Untersuchungen aus seinem Institut zum  „Ökosystem“ vor.
  • Reinfried, Sibylle; Mathis, Christian; Kattmann, Ulrich (2009): „Das Modell der Didaktischen Rekonstruktion – eine inno­vative Methode zur fachdidaktischen Erforschung und Entwicklung von Unterricht“. In: Beiträge zur Lehrerbildung, 3 (2009), 27, S. 404–414.
    In diesem Beitrag wird die Didaktische Rekonstruktion dargestellt und mit Beispielen unterschiedlicher Fachdisziplinen unterlegt. In der Geograpahie wird die Rekonstruktion anhand des Treibausheffektes dargestellt.
  • Reinfried, Sibylle (2007): „Edicational reconstruction – a key to progress in geoscience teaching and learning“. In: Geographie und ihre Didaktik, 34 (2007), 4, S. 233–245.
    Erkennbar Erhebung der Wissenschaftsvorstellung und Schülervorstellung als didaktischen Rekonstruktion; Unterrichtsangebote werden für das Beispiel Grundwasser entwickelt, ausprobiert und die Ergebnisse dargelegt. Der Ansatz ähnelt dem klassischen Conceptual Change Ansatz, bei dem die Schüler ihre Vorstellungen vor- und nach dem Unterricht vergleichen.

6.5. Didaktische Rekonstruktionen für den Geographie-Unterricht

  • Bonekamp, Mieke (2006): „Boden als Puffer: fachliche Vorstellungen und Schülervorstellungen zu einer zentralen Bodenfunktion“. Oldenburg: Geschäftsstelle des Diz (= Oldenbeurger VorDrucke).
    Didaktische Rekonstruktion, die nur die Erfassung von Schülervorstellung und Wissenschaft umfasst.
  • Conrad, Dominik (2013): „Coole Polar-Vorstellungen: wie Schüler und Fachwissenschaften über die eisigen Regionen der Erde denken!“ Oldenburg: Diz (= Oldenbeurger VorDrucke).
    Didaktische Rekonstruktion, die nur die Erfassung von Schülervorstellung und Wissenschaft umfasst.
  • Dittmann, Stefan (2009): „Bodenversalzung: fachliche Vorstellungen und Schülervorstellungen zu einem geographischen Themenklassiker“. Oldenburg: Diz (= Oldenbeurger VorDrucke).
    Didaktische Rekonstruktion, die nur die Erfassung von Schülervorstellung und Wissenschaft umfasst.
  • Drieling, Kerstin (2008): „Erde oder Boden, Horizonte oder Schichten? Alltagsvorstellungen zum Aufbau des Bodens“. In: Geographie heute, 30 (2008), 265, S. 34–39.
    Modell der Didaktische Rekonstruktion  kann bis zur Erfassung von Schülervorstellung und Wissenschaft klar nachvollzogen werden. Bei den Beiträgen für die Unterrichsvorbereitung ist nicht zu erkennen, ob diese empirisch überprüft wurden oder ob eine didaktische Strukturierung im Sinne des Modells der Didaktischen Rekonstruktion vorgenommen wurde.
  • Niebert, Kai (2010): „Den Klimawandel verstehen eine didaktische Rekonstruktion der globalen Erwärmung“. Oldenburg: Didaktisches Zentrum (Diz).
    Vollständige, sehr ausführliche didaktische Rekonstruktion. Der Autor ist kein Geograph, sondern hat Biologie, Chemie und Politik für das Lehramt studiert. Niebert ist aktiv in Umweltpolitik der SPD.
  • Reinfried, Sibylle (2007): „Alltagsvorstellungen – und wie man sie verändern kann. Das Beispiel Grundwasser.“ In:  (= Geographie heute), 243 (2007), S. 38–43.
    Didaktische Rekonstruktion, die neben der Erfassung von Schülervorstellung und Wissenschaft auch die didaktische Strukturierung umfasst. In diesem Beitrag wird deutlich, dass Reinfrieds Ansatz auf Conceptual-Change basiert, der einen Wechsel durch kognitiven Konflikt der Lernenden beim Vergleich der Alltags- mit Wissenschaftsvorstellungen hervorruft. Das Setting hierfür basiert auf konstruktiven Prinzipien.

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